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Muße macht glücklich

Liebe Leserinnen und Leser der ZEIT,

Können Sie noch abschalten? Oder sind Sie Gefangener eines vollen Zeitplans? Dann sollten Sie lernen, sich wieder ohne schlechtes Gewissen dem Nichtstun hinzugeben. Kennen Sie das auch? Es ist der erste Tag des lang ersehnten Urlaubs. Plötzlich ist nichts mehr zu tun. Nur das Meer rauscht, die Wolken ziehen am Himmel. Sie haben jede Menge Zeit, aber trotzdem fühlt es sich nicht richtig an. Im Hinterkopf bleibt ein Gefühl der Unruhe: Was nur tun mit so viel Freiheit? Vielleicht erst mal sorgfältig die nächsten Tage planen? Die Symptome sind eindeutig.

Wir haben verlernt, Muße zu genießen.

Schon Friedrich Nietzsche analysierte hellsichtig: »Die Arbeit bekommt immer mehr alles gute Gewissen auf ihre Seite. Ja, es könnte bald so weit kommen, dass man einem Hange zur vita kontemplativa (das heißt zum Spazierengehen mit Gedanken und Freunden) nicht ohne Selbstverachtung und schlechtes Gewissen nachgäbe.« Wir verplanen selbst unsere freie Zeit lückenlos und überreizen unser Gehirn mit zu vielen, falschen oder unwichtigen Informationen. Dabei wäre es oft weit effektiver, die Gedanken für einen Moment schweifen und die Zeit verstreichen zu lassen, ganz ohne Ziel. Das süße Nichtstun gilt in der westlichen Welt als Faulenzen, ist aber in Wahrheit die Basis für Kreativität, Entspannung und Entscheidungskraft. Und dafür gibt es jede Menge wissenschaftliche Belege. Beispiel Kreativität: Hirnforscher und Psychologen konnten beweisen, dass Momente des Nichtstuns die Regeneration des Gedächtnisses fördern und damit die Basis für Ideen und Einfälle darstellen. Für den renommierten Soziologen Frédéric Lenoir sind Momente, in denen wir uns komplett von Druck befreien, enorme Energiequellen für den Geist. Die Effizienz bei der Arbeit, erklärt er, sei danach zehn Mal so hoch wie vorher. Die hohe Bedeutung, die Pausen und Nichtstun für den kreativen Prozess haben, zeigt auch der amerikanische Soziologe Robert K. Merton mit seinem »Serendipity-Prinzip«: Die spontane Entdeckung genialer Lösungen und Ideen lässt sich danach nicht planvoll erarbeiten, sondern nur durch offene Sinne und einen wachen Geist begünstigen, zum Beispiel beim Nichtstun. Das Ganze gilt längst nicht nur für Wissenschaftler und Künstler: Schließlich stecken wir alle immer mal wieder in Problemen fest, suchen nach Lösungen oder wollen unserem Leben eine andere Richtung geben.

Kreativität gilt gemeinhin als Wesensmerkmal eines ausgeglichenen Menschen.

Der Neuropsychologe Ernst Pöppel betrachtet sie sogar als entscheidenden Gradmesser, um seine eigene Situation einzuschätzen: »Wer nur noch erledigt, abarbeitet, reagiert, braucht definitiv eine Pause.« Beispiel Entspannung: Durch gezieltes Nichtstun öffnen wir unsere Sinne und nehmen Kontakt zu einem Teil in uns selbst auf, der in der Hektik des Alltags oft überdeckt wird. Forscher konnten zeigen, dass sich während dieser Auszeiten die Gehirnwellen verlangsamen, der Blutdruck sinkt, Stress abgebaut und das Immunsystem gestärkt wird. Mit anderen Worten: Regelmäßige Auszeiten und Pausen befeuern nicht nur die Kreativität, sie stärken ganz nebenbei auch unsere Gesundheit und beugen durch ihre entspannende Wirkung dem Ausgebranntsein vor.

Beispiel Entscheidungskraft: Für kluge Entscheidungen brauchen wir vor allem eines: geistige Klarheit. Doch die erreichen wir nicht durch beständiges Abarbeiten von Aufgaben, sondern in erster Linie durch Abstand. Wer seinem Leben neue Impulse geben möchte, braucht kurze Auszeiten, in denen er seine Gedanken schweifen lassen und auf Entdeckungsreise gehen kann. Auch der Zeitforscher Karlheinz Geissler sieht die besondere Bedeutung von gezieltem Nichtstun für die Kreativität: »Pausen sind der Humus für Gelegenheiten, die es sonst nicht gäbe, für wichtige Erfahrungen und einmalige Erlebnisse.« Mit anderen Worten: Durch regelmäßige Auszeiten und Pausen laufen wir weniger Gefahr, in Aktionismus zu verfallen, und gewinnen entscheidende Einblicke für unser Leben. So lässt Nichtstun uns nicht nur kreativer, entspannter und klarer werden – es begünstigt damit auch unser Lebensglück.





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